Ortwin Hellmann, geboren am 2. August 1963 in Kronstadt, langjähriger Leiter des Altenheims in Kronstadt-Blumenau, Bezirkskirchenkurator, ehem. Mitglied des Landeskonsistoriums, Träger des Apollonia-Hirscher-Preises 2021 und Stütze seiner Familie, schied am 22. November aus diesem Leben. Die Trauerfeier fand am Samstag, dem 22. November, in der evangelischen Kirche auf dem Martinsberg in Kronstadt statt. Die Beisetzung erfolgte anschließend auf dem Friedhof der Martinsberger Kirche.
Im Folgenden geben wir die Trauerrede, die Christian Plajer, Stadtpfarrer der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, im Rahmen der für Ortwin Hellmann gehaltenen Trauerfeier zu Gehör brachte, wieder.
Liebe Familie Hellmann, liebe Trauergemeinde,
in den folgenden Gedanken und Erinnerungen mögen wir uns leiten lassen von der Losung für den heutigen Tag. Im Blick auf den Glauben, im Blick auf unsere Beziehung zu Gott spricht sie Wesentliches an, Dinge die uns heute, angesichts des Todes von Ortwin Hellmann besonders bewegen. So steht geschrieben bei Jeremia, im 3. Kapitel: „Ich bin gnädig, spricht der Herr, und will nicht ewiglich zürnen. Allein erkenne deine Schuld, dass du wider den Herrn, deinen Gott, gesündigt hast“ (Jeremia 3,12f). Schuld und Gnade – die großen Themen, die uns spätestens dann erreichen, wenn es um Wesentliches geht im Leben, wenn es um Leben und Tod geht, und der Weg uns aus dem irdischen in das jenseitige Leben führt. Schuld und Gnade – nein, umgekehrt: Gnade und Schuld. Zuerst die Gnade, vorausgehend, als Zuspruch, damit wir uns daran festklammern mögen, was immer es auch sei, das uns bedrängt, was immer auch geschehen möge: Zuerst die Gnade – so bereits bei Jeremia. Zuerst die Gnade, damit wir die Schuld erkennen, uns ihr stellen und sie uns abnehmen lassen mögen. Damit sie ihr Ziel mit uns erreichen möge, die Gnade, und zuletzt wie zuerst sich erfüllen möge an uns; uns in die untrennbare Gemeinschaft mit Gott führen möge.
Wir werden wohl nicht auf alle Fragen Antworten finden, wenn wir überlegen, wie sie einander bedingen, diese beiden: Schuld und Gnade. Und je konkreter das Leben an uns herantritt, auch jenes von Ortwin Hellmann, desto größer werden diese Fragen und desto schwieriger scheint es, konkret Antworten zu finden. Warum dieser Tod? Warum diese Schuld? Warum gab es keinen Ausweg für Ortwin, oder vielmehr: Warum sah er keinen Ausweg mehr? … keinen Ausweg aus der Schuld, auch aus dieser letzten und ganz schweren Schuld? Und ich möchte es hier ganz ausdrücklich sagen: Wir brauchen nicht auf alle Fragen Antworten zu finden, denn dieses Eine und Entscheidende ist uns gesagt: Zuerst und allem voran die Gnade. Wir finden sie bei Gott. Jederzeit! Öffnen wir uns doch für sie! Und wir finden sie bei Menschen, die Gnade, wir finden sie, wenn wir uns für sie öffnen, finden sie in der Gemeinschaft, in die wir gestellt sind; ja, wir sollten sie gerade dort finden, wo wir uns als Gemeinschaft der Glaubenden, als von Gott begnadete Gemeinschaft glauben. Sie ist grundsätzlich die Gnade, und darum gibt es einen Ausweg aus der Schuld; ja es gibt immer, immer einen Ausweg aus der Schuld – und wir dürfen ihn wahrnehmen, ihn mutig betreten – unter dem Zuspruch der im Voraus zugesprochenen Gnade Gottes.
Und dass es diesen Ausweg aus der Schuld auch jetzt für Ortwin Hellmann gibt, nach dem, was er zuletzt getan hat, dass es diesen Ausweg für seine Seele gibt, wollen wir hoffen und glauben, und ihn der Gnade Gottes anbefehlen. Die Folgen für uns, vor allem für seine Familie, sind außerordentlich schwerwiegend. Gott helfe und stärke uns zu weisem Umgang mit dem, was er hinterlassen hat.
„Ich bin gnädig, spricht der Herr, und will nicht ewiglich zürnen“.
Und nun lasst uns einen Blick auf das Leben von Ortwin Hellmann werfen, ein Leben, in dem Gott sichtbare Spuren seiner Gnade hinterlassen hat.

Er wurde am 2. August 1963 zusammen mit seiner Zwillingsschwester Birgit geboren. Seine Eltern Erwin Hellmann und Christa, geborene Graef, zogen ihren Zwilling im Gebiet des Martinsberges auf, inmitten einer Gemeinschaft von Freunden und Nachbarn, die einander nicht nur kannten, sondern sich auch gegenseitig halfen. Sie wuchsen in der Nähe der Martinsberger Kirche auf, die dieses besondere Stadtviertel dominiert und das geistige Zuhause der Familie war. Die Mutter war sehr fromm und der Vater engagierte sich nachdrücklich in der evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses, wirkte in hohen Ehrenämtern und versah wichtige Aufgaben. Hier, in dieser Kirche, wurde Ortwin zusammen mit Birgit am 20. Oktober 1963 getauft, hier wurden sie im Alter von 14 Jahren von dem geschätzten Pfarrer Heinz Bonfert konfirmiert.
Zur Konfirmation wurde dem Zwilling ein Zwillingsspruch ausgewählt. Er steht geschrieben im 1. Korintherbrief, im 16. Kapitel (VV 13f): „Wachet, steht fest im Glauben, seid mutig und seid stark. Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen“. Der erste Teil des Spruches war Ortwin zugedacht, doch, wie gesagt, sie gehören zusammen, die Sprüche. „Wachet, stehet fest im Glauben“ – wenn das so einfach wäre… Nicht jedem ist es gegeben. Aber als Einladung bleibt dieses Wachen und Fest-Stehen im Glauben gültig – unter der verheißenen Gnade Gottes.
Es war selbstverständlich, dass diese Kinder auf die deutsche Schule geschickt wurden, die sich damals trotz der atheistischen Ideologie des Kommunismus nach der Verstaatlichung noch immer aus der evangelischen Tradition speiste. Ortwin war im positiven Sinne ein rebellisches Kind, man mochte ihn trotz all seiner Streiche, dank seiner fröhlichen Art und seines strahlenden Charakters, gepaart mit einem authentischen Sinn für Humor.
In den 1970er und 1980er Jahren war er Schüler des Johannes-Honterus-Gymnasiums, wo in den Schulklassen eine positive Gruppendynamik herrschte. Die Klassenlehrer veranstalteten Feste mit ihren Klassen, Ausflüge und Ferienlager. Unvergesslich sind die Skilager im Mălăiești-Tal, die jeweils in den Frühjahrsferien stattfanden, aber auch die Partys in der Törzburger Hütte des Gymnasiums. Das gefiel Ortwin; für gute Leistungen in der Schule war er nicht so zugänglich – im Gegensatz zu seinem Vater, der auf eine höhere Ausbildung und eine beachtliche berufliche Laufbahn zurückblickte.
Ortwin hatte wichtige praktische Fähigkeiten, war geschickt darin, Lösungen für verschiedene Probleme und Herausforderungen zu finden, widmete sich diesen mit Engagement und war dabei erfolgreich. Dies und sein offenes Wesen veranlassten die Menschen immer wieder, sich an ihn zu wenden, mit ihm in Kontakt zu treten und sich oft von ihm helfen zu lassen.
Er hatte eine glückliche Jugend. Er liebte Abenteuer, fuhr oft ohne Wissen seiner Eltern mit deren Auto zusammen mit Freunden in die Berge oder ans Meer und kam nicht selten mit einem beschädigten Auto oder spät in der Nacht, klatschnass nach einem Bootsunfall auf dem Alt, zurück.
Auch die Zeit des Wehrdienstes war von diesen Fähigkeiten und einigen Abenteuern geprägt. Er wurde den Einheiten schwerer Artillerie in Schomlenmarkt (Șimleul Silvaniei) und Großschenk (Cincu) zugeteilt. Ortwin erlangte Respekt und Wohlwollen und einen gewissen privilegierten Status als Soldat und Unteroffizier. Andererseits erzählte Ortwin seinen Kindern mit viel Humor von den Erfahrungen und Erlebnissen dieser Zeit und zögerte nicht zu sagen, dass er dort, in der Armee, gelernt habe, was Disziplin und Pünktlichkeit bedeuten.
Nach den Ereignissen von 1989 dachte Ortwin darüber nach, sich einer Karriere als Unternehmer zu widmen, aber schließlich änderte er seine Meinung und wandte sich mit seiner bereits gegründeten Firma dem Dienstleistungsbereich zu, insbesondere dem Gütertransport. Er hatte seinen eigenen Volkswagen Transporter T3, den er liebte und den er bis ins kleinste Detail zerlegen und reparieren konnte.
Nach seiner Heirat mit Beatris Gabriela, geborene Răfoiu, im Jahr 2000 setzte er diese Tätigkeit fort. Im Jahr 2001 wurde ihre Tochter Verena geboren, später, im Jahr 2004, kamen die Zwillinge Hannah und Lukas zur Welt. Er liebte seine Familie sehr. Sie unternahmen gemeinsam Ausflüge. Ortwin verband das Nützliche mit dem Angenehmen: Wenn er einen Transportauftrag zu erledigen hatte, nahm er oft seine Familie mit, sie bereisten das Land und machten Halt an schönen Sehenswürdigkeiten.
Er kümmerte sich liebevoll um alles, was die Kinder brauchten, scheute keine Mühen und erledigte alle Arbeiten im Haushalt. Er unterstützte und förderte sie auch, als sie groß waren. Er zeigte ihnen seine Liebe durch alle möglichen kleinen Freuden, die er ihnen bereitete. So vergingen die Jahre, schöne Jahre, die viele, viele schöne Erinnerungen in der Familie hinterlassen haben.
Es kam die Zeit, in der Ortwin seine berufliche Tätigkeit immer schwerer fiel. So wandte er sich mit seinen praktischen Fähigkeiten dem Bauwesen zu. Er war als Bauleiter für wichtige Gebäude unserer Gemeinde tätig, wie zum Beispiel für den heutigen Sitz der Gemeinde oder das Nachbargebäude, in dem sich heute die Buchhandlung Humanitas befindet. Parallel dazu war Ortwin Hellmann bereit, Ehrenämter in der Kirche zu übernehmen. Nachdem er die Verantwortung für das Altenheim in der Blumenau übernommen hatte, stieg er die Karriereleiter als Vertreter der Evangelischen Kirche A. B., betraut mit wichtigen Aufgaben, empor und übte lange Zeit das Ehrenamt des Kurators des Kronstädter Kirchenbezirks und das eines Mitglieds des Landeskonsistoriums der Evangelischen Kirche A. B. in Rumänien aus.
Ortwin Hellmann hat durch seine Arbeit und die Art und Weise, wie er sich seinen Aufgaben gegenüber den Bewohnern und Mitarbeitern des Altenheims widmete, die positive Atmosphäre im Altenheim nachhaltig geprägt. Es war ihm sehr wichtig, dass es den Bewohnern im Altenheim wohl erging, dass sie gut versorgt und unterstützt wurden und sich geborgen fühlten. Dank großer Mühen überstanden die Einwohner des Altenheims die Pandemie recht gut. Aber es scheint, als hätten sich die Wolken, die sich damals zusammenbrauten, und der Sturm, der vermieden werden konnte, nicht wirklich verzogen. Irgendwie blieben sie eine Bedrohung, und Ortwin investierte immer mehr Zeit und Energie, um den hohen Standard der Pflege und des Betriebs des Heims aufrechtzuerhalten.
Eine besondere Beschäftigung half ihm dabei, sich einen alternativen Raum zu schaffen, in dem er sich nach arbeitsreichen Tagen entspannen und erholen konnte: den Modellbau. Nach und nach tauchte er in dieses Gebiet ein, das ihn zunehmend faszinierte und in dem er dank seiner praktischen Fähigkeiten bemerkenswerte Erfolge erzielte. Er hatte überall im Land Bekannte, die das gleiche Hobby ausübten, und es entstanden echte, enge Freundschaften. Mit seinen selbstgebauten Modellen nahm er an internationalen Ausstellungen in verschiedenen Ländern teil. Seinen letzten Erfolg erzielte er Ende Oktober, als er mit drei Modellen am jährlichen Wettbewerb des Militärmuseums in Bukarest teilnahm. Er gewann drei erste Preise.
Der Verlust seiner Mutter im Jahr 2022 nach langer Krankheit traf Ortwin sehr hart. Er widmete sich gemeinsam mit seiner Familie ihrer Pflege, aber die Situation war so schwierig geworden, dass sie sie in das Altenheim Dr. Carl Wolff in Hermannstadt bringen mussten. Der Verlust seiner Mutter war eine schwere Belastung für ihn. Umso mehr, als sie ihm aufgetragen hatte, sich zu Hause um ihren Mann Erwin zu kümmern, damit er nicht ins Heim müsste. Ortwin widmete sich dieser Aufgabe mit Hingabe. Er opferte viel dafür, zumal seine Beziehung zu seinem Vater nie besonders glücklich war. Gleichzeitig nahm der administrative Druck im Heim zu, dem Ortwin nur noch schwer standhalten konnte. Hinzu kamen ernsthafte gesundheitliche Probleme. Ortwin hatte keine Zeit mehr für seine Familie, die unter dieser Entfremdung sehr litt.
Durch all das verdichteten sich die Wolken über ihm immer mehr. Er wusste nicht, wie er sie fernhalten konnte. Ihre Schatten wurden immer dunkler, aber er schaffte es nicht und wollte uns vielleicht nichts davon erzählen, nicht darüber sprechen. Er wollte, dass die Wahrnehmung gleich blieb: Dass er fähig ist, dass er alles schafft und Erfolg haben wird. Er ließ niemanden auch nur annähernd an sich heran, er teilte niemandem, nicht einmal seinen besten Freunden, mit, was wirklich in seinem Herzen vorging. So haben wir nicht erkannt, wie tief und zerreißend die Dunkelheit ist, die seine Seele erfasst hat. Menschen, die täglich mit ihm zusammen waren, haben gesehen, dass Ortwin litt, aber es gelang ihnen nicht, diese Verbindung herzustellen, ohne die man einem Menschen nicht helfen kann, ohne die man ihm nicht nahekommen kann.

Wir schließen hier. Gott weiß mehr, als wir jemals erfahren werden. Wir vertrauen Ortwin nun ihm an, der uns gesagt hat: „Ich bin gnädig und werde nicht ewiglich zürnen.“ „Ich bin gnädig, spricht der Herr, und will nicht ewiglich zürnen“. Amen.