Laut Kirchenordnung ist der Kurator erster weltlicher Würdenträger, mit dem der mit der Geschäftsführung betraute Pfarrer alle wichtigen Entscheidungen abzustimmen hat, und der inbesondere auf die Wahrung der gemein-schaftlichen Interessen zu achten hat. Peter Mrass hatte das Amt eines Presbyters bereits von 2009 bis 2021 inne. Im Dezember 2025 wurde er in das des Gemeindekurators eingeführt.
Peter Mrass blickt auf eine reiche Erfahrung in der Gemeindeleitung zurück und hatte inzwischen auch Gelegenheit, sich mit den aktuellen Belangen der Kirchengemeinde vertraut zu machen. Frank-Thomas Ziegler, Leiter des Referats für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, möchte ihn und seine Sicht auf unsere Gemeinde besser kennenlernen.
Frank: Lieber Peter, was hat Dich motiviert, das Amt des Gemeindekurators zu übernehmen?
Peter: Im Herbst 2025, als sich die Wahlen näherten, habe ich zunächst den Gedanken, in der Gemeinde für ein Ehrenamt zu kandidieren, von mir weggeschoben. Erst kurz vor dem Wahltermin spürte ich, dass ich als Kurator kandidieren möchte. Ich wünschte mir, als Gemeindemitglied nicht mehr „bloß am Spielfeldrand” zu stehen, sondern mich bewusst und konsequent zur Verfügung zu stellen. Meine Hoffnung besteht darin, einen sinnvollen Beitrag zu einer gesunden, organischen Entwicklung der Gemeinde leisten zu dürfen.
Frank: Was gibt Dir persönlich Kraft und Orientierung?
Peter: Immer schon habe ich mich in einem harmonischen und friedvollen Umfeld besonders wohl gefühlt, so, wie ich es seinerzeit als Kind in der Familie erleben durfte – und so, wie ich es versuche, heute (vor-) zu leben.
Mein Bemühen, um mich herum ein ruhiges Umfeld zu schaffen, geht wohl Hand-in-Hand mit einer gewissen inneren Gelassenheit und meiner Suche nach Ausgeglichenheit und Frieden. Meine klar konturierten Wertvorstellungen sowie einige unverhandelbare Grundsätze dienen mir als Richtschnur.
Frank: Gibt es ein Bibelwort oder einen Leitsatz, der Dich in Deinem Amt begleitet?
Peter: Ich kann nicht behaupten, dass es einen bestimmten Leitsatz oder Bibelvers gibt, der mir besonders am Herzen läge. Was ich aber sagen kann, ist, dass nicht so sehr die Bibel als Ganzes wie vielmehr die Handlungen Jesu und seine Aufforderung, ihm nachzufolgen, für mich ausschlaggebend sind. Wir können uns von Jesus getrost führen lassen, können seinem Beispiel zuversichtlich folgen.
Frank: Welche Begegnung in unserer Gemeinde hat Dich besonders geprägt?
Peter: Ich erinnere mich sehr gerne an meine Anfangszeiten in der Gemeinde und im Presbyterium: Ich kann mich lebhaft an die Presbyterialsitzungen erinnern, in denen wir jungen Presbyter uns noch an den älteren wie Eugen Bruss, Dieter Simon oder Gundel Einschenk orientieren konnten. Stadtpfarrer Plajer schafft es immer, sowohl im Presbyterium als auch in Gemeinde und Verwaltung, die guten Kräfte ausfindig zu machen und zu fördern – und damit den Grundstein zu legen für das, was wir als Gemeinde heute sind.
Frank: Wo siehst Du den dringendsten Handlungsbedarf?
Peter: Wir sind nicht bloß eine lebendige Glaubensgemeinschaft, sondern erfreuen uns eines beispiellosen materiellen und geistigen Erbes. Es ist wichtig, dass die Gemeindeleitung trotz des erheblichen Verwaltungsaufwands, der mit der irdischen Pflege dieses Reichtums verbunden ist, dem geistlichen wie kulturellen Gemeinschaftsleben selbst genügend Aufmerksamkeit widmet. Ich möchte einen Beitrag dazu leisten, dass die beteiligten Personen – hoch engagierte Ehrenamtliche und Angestellte – jeweils den besten Rahmen zur lebendigen Gestaltung dieses Lebens vorfinden. Und das bedeutet, das Verhältnis von Gemeindebedürfnissen und Verwaltungsaufgaben geschickt so abzustimmen, dass wir uns als Gemeinschaft in geeigneter Weise dem Wesentlichen zuwenden können.
Frank: Welche Themen sollen spätestens mittelfristig angegangen werden?
Peter: Wir als Gemeindeleitung sollten versuchen, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen: Die Arbeit mit den Mitgliedern unserer Gemeinschaft sollte gestärkt werden, während Verwaltung und Wirtschaftliches quasi noch klarer „parallel” organisiert werden könnten. Als positives Beispiel möchte ich die vor einigen Jahren ins Leben gerufene gemeindeeigene Firma nennen, die sowohl den Geschenkeladen INSPIRATIO, die zugehörige Kunstgalerie und das Café CH9 betreibt, als auch den Besucherbetrieb an der Schwarzen Kirche betreut. Oder die bevorstehende Gründung der Stiftung Bauhütte Schwarze Kirche, die sich um den Erhalt der gemeindeeigenen und von der Gemeinde genutzten Baudenkmäler kümmern wird. Die in den letzten Jahren gelungene Stabilisierung der Gemeindefinanzen müssen wir beibehalten und weiterdenken, vor allem angesichts sich abzeichnender wirtschaftlicher und sozialer Turbulenzen.
Frank: Wie möchtest Du das Miteinander in der Gemeinde stärken?
Peter: Ein „Miteinander in der Gemeinde” können wir nur stärken, wenn die Gemeindemitglieder zusammenkommen, wenn es Gelegenheiten zur Begegnung gibt. Ich möchte mich dafür einsetzen, die in der Gemeinde bereits stattfindenden Gruppenaktivitäten weiterhin zu fördern und nach Möglichkeit neue Aktivitäten zu identifizieren. So gibt es bereits die Treffen des Frauenkreises und seit dem Frühsommer auch einen Männerkreis. Bei den Treffen der Männer habe ich unter den Teilnehmern große Freude und einen großen Bedarf an solch einem Austausch festgestellt.
Das Miteinander braucht allerdings auch einen Ort, an dem es sich entfalten kann. Die Gemeindeleitung untersucht derzeit im Zusammenspiel mit verschiedenen Arbeitsbereichen, in welchem Anrainergebäude des Kirchhofs ein Gemeindezentrum eingerichtet werden könnte – ein Ort, an dem Gruppenaktivitäten gebündelt stattfinden, um auch generationsübergreifend Begegnungen zu fördern. Wir werden uns mit konkreten Informationen an die Gemeinde wenden, sobald diese Ideen gereift sind.
Frank: Wie möchtest Du Anregungen oder Kritik aus der Gemeinde aufnehmen?
Peter: Ich möchte als Kurator jederzeit greifbar und ansprechbar sein. Nicht nur aufgrund eigener Beobachtungen, sondern besonders dank zahlreicher Gespräche habe ich während der Jahre Einblick in viele Tätigkeitsbereiche der Gemeinde erhalten und kann Qualitäten ebenso wie Unzulänglichkeiten immer besser abschätzen. Diesen Dialog möchte ich weiterpflegen und ausbauen. Ich möchte auch in Zukunft jederzeit an-sprechbar sein. Meine Überzeugung ist es, dass wir im Gespräch gute Lösungen, und seien es akzeptable Kompromisse, erzielen können. Fehler sind menschlich; wir haben aber auch die Kraft, aus ihnen zu lernen und uns zu bessern.
Frank: Welche Rolle spielen Kinder, Jugendliche und junge Familien in Deinen Planungen?
Peter: Wir haben in den letzten Jahren ein steigendes Interesse junger Familien und Jugendlicher an den Angeboten der Kirchengemeinde festgestellt und dies zum Beispiel im Rahmen einer detaillierten Umfrage in den Gruppen 2018-2019, aber auch in den Jahren danach, dokumentiert. Dies sehen wir an gut besuchten Familiengottesdiensten, an den zahlreichen Teilnehmern in den Kinder- und Jugendgruppen. Die vor Jahren im Presbyterium beschlossene Betreuung der Gemeindemitglieder und jener der Gemeinde nahestehenden Personen „von Kindesbeinen an” bis zum Alter, über den ganzen Lebensweg hinweg, zeigt Wirkung. Auch wenn manche der Teilnehmer in den Gruppen nach Beendigung der jeweiligen Gruppenphase nicht mehr den Weg zu anderen Gemeindeaktivitäten finden, denke ich, dass dieser ganzheitliche Ansatz richtig ist. Ich wünsche mir, dass wir die jungen Menschen aus der Gemeinde und deren Umfeld dafür begeistern können, sich noch mehr einzubringen.
Frank: Wie können ältere Gemeindemitglieder noch besser eingebunden werden?
Peter: Auch bei den älteren Gemeindemitgliedern handelt es sich um eine Personengruppe, die eigene Bedürfnisse hat. Wie schon bei der Frage nach mehr „Miteinander” in der Gemeinde denke ich, dass es noch mehr auf Senioren in der Gemeinde zugeschnittene Angebote geben sollte, vor allem informelle Treffen und Veranstaltungen, im Rahmen derer die Senioren miteinander ins Gespräch kommen können. Wir haben etwa in den letzten Monaten erlebt, dass die Veranstaltungsreihe „Kulturerbe hautnah” großen Anklang vor allem bei älteren Gemeindemit-gliedern findet. Ein weiteres positives Beispiel: Für Senioren, die vielleicht nicht mehr so rüstig sind, gibt es inzwischen die Möglich-keit, über die Diakonie der Gemeinde in verschiedenen Bereichen des Alltags unterstützt zu werden.
Frank: Welche Bedeutung hat für Dich die Gewinnung neuer Ehrenamtlicher?
Peter: Bereits jetzt implizieren sich Ehrenamtliche in der Gemeinde auf vielfältige Weise. Allerdings haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, dass jede noch so kleine Tätigkeit von Angestellten erledigt werden kann. Dies hat m. E. dazu geführt, dass die Implikation vieler Gemeindemitglieder zurückgegangen ist – sogar die Bereitstellung des Kirchenkaffees erfolgt hauptsächlich durch Angestellte. Ein Gegenbeispiel ist jenes der ehrenamtlichen Helferinnen, die Gemeindegliedern Hausbesuche abstatten und die Verbindung zu ihnen pflegen.
Was Gruppenaktivitäten oder einzelne gemeinschaftliche Aktionen betrifft, wünsche ich mir, dass wir mehr Initiativen seitens der Gemeindemitglieder sehen, die wir als Gemeindeleitung dann auch organisatorisch unterstützen können.
Was die Beteiligung von Ehrenamtlichen in den gemeindeinternen Gremien betrifft, ist es ähnlich: Der Wunsch und die Bereitschaft, sich einzubringen, kann nur von jedem individuell kommen. Die Gemeindeleitung kann zur Unterstützung ehrenamtlichen Engagements weiterhin für eine Atmosphäre der Transparenz und Sachlichkeit sorgen.
Frank: Inwiefern sollte unsere Kirchengemeinde in den nächsten Jahren transparenter werden?
Peter: Transparenz bedeutet in der Architektur z. B., dass ein Material teils durchsichtig ist, dass man zu einem gewissen Grad hindurchsehen kann. In diesem Sinne verstehe ich Transparenz auch in der Kirchengemeinde: Handlungen und Entscheidungen müssen nachvollzieh-bar, der Informationsfluss muss offen sein, um Vertrauen und Sicherheit zu stiften, um Missverständnisse zu vermeiden. Es ist nicht einfach, Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass sich alle in ihren Belangen vollständig berücksichtigt fühlen. Ich denke allerdings, dass dies-bezüglich in der Honterusgemeinde immer die besten Absichten bestanden haben und man in sämtlichen Bereichen bemüht war, Entscheidungen im Dialog zu finden.
Transparenz hängt aber mit Kommunikation zusammen – und hier, denke ich, haben wir als Gemeindeleitung noch zu arbeiten: sowohl innerhalb der Gemeindeverwaltung, als auch auf Ebene des Austausches zwischen Gemeindeleitung und Kirchengemeinde.
Frank: Wenn wir uns in drei Jahren wieder zum Interview treffen – was würdest Du dann gerne erreicht haben?
Peter: Wir können uns gerne auch früher treffen. 🙂 Als Gemeindekurator bin ich Teil eines größeren Ganzen, sodass es darauf ankommt, was wir gemeinsam erreichen. Und da wartet in der nahen Zukunft, wie weiter oben bereits dargestellt, eine Reihe von Heraus-forderungen auf uns. Ich wünsche mir, dass wir in ein paar Jahren sagen werden können, dass die vergangene Zeit eine gute gewesen sei, dass wir zufrieden zurückblicken und uns freuen können über das, was wir mit Gottes Hilfe schaffen durften.
Frank: Lieber Peter, herzlichen Dank für das Gespräch! Möge in den kommenden Jahren unsere Gemeinschaft mit Gottes Hilfe noch weiter zusammenwachsen, und möge sie dank kluger und einfühlsamer Leitung ein sicheres Zuhause für Jung und Alt bleiben!
Foto: Benedek Béla