Der Naturapostel. Lustspiel in vier Aufzügen. Inspizierbuch

Datum der online-Stellung: 24.11.2025

Ernst Kühlbrandt: Der Naturapostel. Lustspiel in vier Aufzügen. Inspizierbuch

 

Objekttyp:             Typoskript 

Signatur:                IV F 289b                

Datierung:             1911

Herstellungsort:    Kronstadt

Material:                Papier, überzogene Hartpappe (Umschlag), Textilfalz; Tinte, Bleistift und Buntstift (Textbearb.) 

Technik:                 Maschinengeschriebenes Dokument

Maße:                     290 mm (Höhe) x 225 mm (Breite) x 10 mm (Tiefe)

Ort:                         Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt

Bildnis Ernst Kühlbrandt. Fotografie von Leopold Adlers Nachfolger J. Schuller & Sohn, um 1902-03. Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, Signatur IV F 289c–d © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
Bildnis Ernst Kühlbrandt. Fotografie von Leopold Adlers Nachfolger J. Schuller & Sohn, um 1902-03. Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, Signatur IV F 289c–d © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt

Beschreibung: Das Typoskript hat einen Gesamtumfang von 124 einseitig maschinenbeschriebenen Blättern. Die vier Aufzüge weisen gesonderte Seitenzählung auf (Titelblatt und erster Aufzug (11 Szenen) 1-33; zweiter Aufzug (17 Szenen) 1–34; dritter Aufzug (8 Szenen) 1–25; vierter Aufzug (15 Szenen) 1–6–6a–31.

Auf dem Titelblatt sind der Titel des Lustspiels und der Name des Urhebers abgedruckt; ein handschriftlicher Vermerk hält die damalige Anschrift Ernst Kühlbrandts in der Burggasse (heute: str. Castelului) fest. Die handschriftliche Bearbeitung des maschinengeschriebenen Textes wurde in Feder, Blei- oder Buntstift vorgenommen und umfasst Textstreichungen, -änderungen, Skizzen u. ä.

Auf Blatt 2 (o. Z.) sind in Bleistift die Namen der Schauspieler der Uraufführung notiert. Die handschriftliche Bearbeitung weist gemeinsam mit der Skizze der Bühnendisposition auf Blatt 3 darauf hin, dass dieses Typoskript dem Inspizienten als Handexemplar gedient hat.

Außer diesem Exemplar sind im Nachlass Ernst Kühlbrandts im Archiv der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt zwei Durchschlagsexemplare erhalten, deren handschriftliche Bearbeitung abweicht, die aber ebenfalls zur Vorbereitung der Uraufführung am 28. März 1911 in Hermannstadt benutzt wurden.[1]

[1] Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, IV F 289b und IV F 289 c–d/1. In einem der beiden Durchschlagsexemplare (IV F 289b), Seite 31r des 4. Aufzuges, findet sich der handschriftliche Vermerk: »Hermannstadt 28./III. 1911 Uraufführung / Georg St. Moger«.

Kommentar

 

von
Frank-Thomas Ziegler
frank.ziegler@biserica-neagra.ro

 

 

Ernst Kühlbrandt

Ernst Kühlbrandt wurde am 10. Mai 1857 in Kronstadt als Sohn des aus Neumünster nach Kronstadt zugezogenen Turnlehrers Theodor Kühlbrandt (1821–1868) geboren.[i]

Nach dem Besuch des Honterus-Gymnasiums bereitete er sich an Ausbildungsstätten in Graz, Stuttgart und Wien auf den Beruf des Zeichenlehrers vor. Im Jahr 1883 nahm er die Stelle eines Lehrers für Zeichnen und Geometrie am Honterus-Gymnasium an und wurde schließlich auch an weiteren Schulen Kronstadts tätig, etwa an der städtischen Gewerbeschule, der er bis zum Eintritt in den Ruhestand 1927 als Direktor vorstand. Er verstarb am 5. September 1933 in seiner Heimatstadt.[ii]

Über den Beruf hinausgehend beteiligte sich Kühlbrandt am Gemeinschaftsleben in vielfacher Weise. Bekanntheit erreichte er insbesondere durch sein literarisches Schaffen. Treffend, auch in Bezug auf den Naturapostel, ist das Urteil von Stefan Sienerth: » … Seine Kurzschlüsse richten sich mit Vorliebe gegen kleinbürgerliches Philistertum, unbegründete Überheblichkeit, gegen Karrieremacher und jede Art von Unmenschlichkeit. … «.[iii]

Dramatische Werke sind innerhalb Kühlbrandts Werk lediglich Marginalien. Neben dem Naturapostel sind nur Auszüge aus einem Singspiel, Des Königs Wein oder die Bärenbraut, bekannt.[iv] Selbst wenn der Naturapostel den Eindruck des Unvollendeten erweckt, das »des letzten – sub specie aeternitatis unerlässlichen – Schliffs nicht mehr teilhaftig«[v] wurde, bezeugen die in dem Typoskript vorgenommenen handschriftlichen Anstreichungen, dass es sich hierbei um ein Inspizierbuch handelt, das tatsächlich zur Vorbereitung einer Aufführung – wohl der Aufführung, die im März 1911 in Hermannstadt stattfand – verwendet wurde.[vi]

 

Die Handlung

Ins Zentrum der Handlung gestellt sind die gegenläufigen Positionen eines zum Großteil verwandtschaftlich verbundenen Personenkreises gegenüber der entschiedenen Zivilisationskritik eines ihrer Mitglieder, des Studienabbrechers Hans Heimann. Die Handlung spielt in der Gegenwart und wechselt mit jedem Akt den Schauplatz: Sie beginnt in der Hauptstadt Wien, setzt sich in einem »österreichischen Grenzstädtchen«, Waldhaus, und dann in »Oberpieritz in der Sächsischen Schweiz«[vii] fort, um schließlich nach Waldhaus zurückzukehren und dort zu enden.

Aus gutbürgerlichem Hause stammend, führt Hans Heimann das eigene Leiden an der Zivilisation zu dem Entschluss, einfach, einsam und naturunmittelbar zu leben. Die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt bestreiten zu müssen, bindet ihn allerdings zunächst noch an die menschliche Gesellschaft.

Hans Heimanns nächstes soziales Umfeld reagiert in unterschiedlicher Weise auf dessen Pläne. Hans` Vater, der wohlhabende Stadtphysikus und »Provinzpatrizier«[viii] Dr. med. Heimann, schwankt zwischen Sorge und Schelte. Andere wiederum, wie etwa Anna, Hans` Schwester, sowie Asta, zugleich Millionärstochter und Verlobte von deren Cousin Richard, schließen sich Hans an. Eine dritte Gesinnung legen ein weiterer Neffe des Stadtphysikus, Dr. jur. Erich, und der als jüdisch wahrgenommene[ix] Wiener Vermieter von Hans, Herr Mickstein, dann einer seiner Mieter, der Kauz Pantelius, vorübergehend aber auch Richard an den Tag: Sie alle versuchen, Hans Heimann oder seine Familie finanziell auszunutzen. Hans Heimann schlägt die Angebote Micksteins` und Pantelius`, gemeinsam aus der Täuschung der Anhängerschaft finanziellen Gewinn zu schlagen, aber aus und bleibt seinen Überzeugungen zunächst treu.

Die Prinzipientreue Hans Heimanns wird erst am Schluss des Lustspiels zunichte gemacht, als die resolute Asta das Heiratsversprechen mit Richard löst, Hans aber ihre glühende Liebe offenbart und ihm die Weltflucht in die Naturabgeschiedenheit der Dolomiten ermöglichen möchte, ohne dabei aber auf die Annehmlichkeiten der modernen Zivilisation verzichten zu wollen. Hans kapituliert vor Astas aufgenötigter Liebe und ordnet sich ihr unter. Asta erklärt kurzerhand auch Erich und Anna zum Liebespaar und fordert die beiden, aber auch Stadtphysikus Heimann auf, Hans und ihr in das abgeschiedene Liebesversteck zu folgen.

 

Gusto Gräser

Am 16. Februar 1879 wurde Gustav Arthur Gräser als viertes Kind eines Juristen und späteren Bezirksrichters in eine bürgerliche siebenbürgisch-sächsische Familie geboren.[x] Während seiner Kindheit war die Existenz der siebenbürgisch-sächsischen Bevölkerung Kronstadts von fundamentalen Spannungen geprägt. Einerseits hatte sich die Stadt zu einem Zentrum des politischen und kulturellen Liberalismus entwickelt, und die Kronstädter Sachsen suchten insbesondere die Auseinandersetzung mit Lebensreform, Reformpädagogik und Frauenbewegung.[xi] Diesen Tendenzen der Öffnung standen Bewahrungsbestrebungen in Schule und Kirche gegenüber, mit denen sich die sächsische Bevölkerung Siebenbürgens gegen die auf Assimilation zielenden staatlichen Vereinheitlichungsverordnungen zu wehren versuchte. Die höhere Pflicht der Bewahrung der ethnischen und kulturellen Einheit, der Unterordnung des Individuums unter die Aufgabe des Überlebenskampfes wurde zum beengenden Motiv des gesamten deutschsprachigen Geisteslebens in Siebenbürgen und zum beherrschenden Erziehungsdogma an den pädagogischen Einrichtungen der Siebenbürger Sachsen.

Im Bestreben, diesen Zwängen zu entkommen und seinem persönlichen Freiheitsbegriff gemäß zu leben, verließ Gustav Gräser Kronstadt bereits im Jugendalter und verbrachte den Großteil seines Lebens auf der Wanderschaft. Skeptisch gegenüber »der Oberflächlichkeit eines sich nur im Zivilisatorischen genügenden Lebensverständnis(ses)«[xii], distanzierte er sich früh von dem »Blödbauschegrauen der Bluffkultur«[xiii], dem verblendenden Materialismus der Konsumgesellschaft.

Gräser warb als Redner, Schriftsteller, Dichter und Künstler vor allem in Deutschland, Österreich, der Schweiz und gelegentlich auch in Siebenbürgen konsequent für Genügsamkeit, für die Bejahung des Körperlichen und Spirituellen anstelle von Prüderie und Maschinenglauben, für das Künstlerische anstelle des Industriellen. »Wir streben nach dem Paradies der Erden, wir wollen die Unnatur verbannen, wollen ein völlig Gott und der Natur geweihtes Leben führen, […] Die unmenschlichen Rohheiten, die Entartungen der heutigen Gesellschaft sind von uns erkannt und verbannt worden. […] In der Gemeinschaft, welche wir gründen, soll „Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst“ das einzige Gesetz sein.« schrieb Gräser am 3. Juni 1898 aus der von Karl Wilhelm Diefenbach gegründeten Kommune am Himmelhof an seine Mutter nach Siebenbürgen.[xiv]

Häufig mündete der Argwohn der Behörden in Gräsers Ausweisung oder Inhaftierung. Mehrere Nobelpreisträger, Künstler und Größen des internationalen öffentlichen Lebens gehörten zu seinen Gesprächspartnern, Beschützern und Schützlingen.[xv] Er starb am 27. Oktober 1958 in München.

Bedeutsam ist im Hinblick auf Kühlbrandts Lustspiel, dass Gusto Gräser gegen Ende des Jahres 1900 vorübergehend versuchte, gemeinsam mit seinem älteren Bruder Karl Gräser, der Klavierlehrerin und Pianistin Ida Hoffmann und dem Bankierssohn Henri Oedenkoven auf einem Berg bei Ascona eine Reformsiedlung zu begründen. Nachdem sich das Ansinnen einer gemeinsamen Siedlung nach wenigen Monaten zerschlagen hatte, ließen sich die Brüder Gusto und Karl Gräser einerseits sowie Hoffmann und Oedenkoven andererseits auf dem Berg getrennt nieder, um ihre jeweiligen Vorstellungen individuell umzusetzen.[xvi]

 

Gusto Gräser und Siebenbürgen

Aufgrund seiner wiederholten Heimatbesuche und der internationalen Berichterstattung entwickelte sich Gusto Gräser für die Deutschen Siebenbürgens zu einer prominenten Persönlichkeit.[xvii] Adolf Meschendörfer nahm 1912 einige »Gedichte und Sprüche von Gusto Gräser« und einen Gräser gewidmeten Beitrag von Otto Friedrich Jickeli in die von ihm herausgegebene Zeitschrift Die Karpathen auf und ließ selbst noch 1930 die Anthologie Aus Kronstädter Gärten mit einem Gedicht Gräsers beginnen.[xviii] In der siebenbürgischen Tagespresse erschienen neben Beiträgen, die für Verständnis warben, auch kritische Stimmen.[xix] Von gutbürgerlichen Kreisen wurde Gusto Gräser oft mit Skepsis empfangen.[xx]

 

Bezugnahmen auf Gusto Gräser

Dass es Gusto Gräser war, der Ernst Kühlbrandt für die Gestaltung der Figur des Hans Heimann als Vorbild diente, ist an einer Reihe von literarischen Motiven festzumachen.[xxi] Hans Heimann, dessen Name wie der Gräsers stabreimend ist, paraphrasiert die Überzeugungen Gräsers.[xxii] Auch plant Heimann, wie Gusto Gräser Vorträge zu halten und dadurch seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.[xxiii] Darüber hinaus nimmt er im Laufe der vier Akte schrittweise das Kostüm des »Nazareners«[xxiv] Gusto Gräser an und vollzieht damit die innere und äußere Wandlung nach, die Gräser seit 1896 durchlaufen hatte.[xxv] Hinzu tritt das Motiv der Naturkolonie, die sich Asta an der Seite ihres Verlobten Richard »im Süden […] an einem Bergsee« bereits im 1. Akt erträumt und am Ende des Lustspiels einzurichten begonnen hat.[xxvi] Damit spielt Ernst Kühlbrandt gezielt auf die von Gusto Gräser bei Ascona mitinitiierte Reformkolonie an.[xxvii]

Die Schlusspointe liegt aber nicht lediglich, wie Ernst Jekelius senior, der Rezensent des Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatts, meinte, in dem Umstand begründet, dass sich Hans Heimanns angeblich karge Einsiedelei in den Dolomiten als nur geringfügig kaschierter Venusberg entpuppt.[xxviii] Kühlbrandt erwählt sich vielmehr den innersten Grundsatz Gusto Gräsers zum Ziel eines intellektuellen, augenzwinkernd vorgenommenen Angriffs und macht dessen »Liebesgesetz« zum Gegenstand verfeinerter Ironie. Zwar gestaltet Kühlbrandt Hans Heimann über die gesamte Handlung des Lustspiels hinweg als eine charakterlich aufrechte, ihren Prinzipien treu ergebene Figur.[xxix] In der Schlussszene kommt Hans allerdings in die Verlegenheit, sich durch Astas resolute Liebe zu einer in Luxus gebetteten Weltflucht bewegen zu lassen – und wird also durch jene Macht auf Irrwege geführt, die die Menschheit Gusto Gräsers Überzeugung zufolge in Wahrheit als einzige vor dem Untergang retten könne. Astas Liebe zwingt Hans, statt des natürlichen ein künstliches Paradies zu akzeptieren:

 

» […] Am Gestade eines Bergsees baue ich dort ein prächtiges Landhäuschen. Eine reiche Bibliothek, ein feiner Flügel und herrliche Bildwerke sollen uns erfreuen, wenn der Himmel ungnädig ist. Hie und da aber fahren wir mit meinem Auto ein wenig in die närrische, staubige Welt hinunter, um uns nachher wochenlang über sie von Herzen auslachen zu können. […] «[xxx]

 

Heimann wird demnach mit dem Paradoxon konfrontiert, dass die Hingabe aus Liebe letztlich nicht zur Findung, sondern zur existentiellen Verleugnung des eigenen Ichs führen kann. In der Kontrolle, die Asta über ihn ausübt, scheint gleichzeitig das alte Motiv der Weibermacht auf.

Ernst Kühlbrandt ironisiert in seinem Lustspiel aber nicht allein den Naturapostel Hans Heimann, sondern auch das Milieu, dem er sich widersetzt. Das Komische der Handlung verdankt sich nur zum Teil dem Verhalten der Hauptfigur; es lebt in bedeutendem Maße von den Nebengestalten, deren überzeichnete Kleinbürgerlichkeit, Ungeschicklichkeit, Lüsternheit und Habgier sie dem Spott des Publikums preisgeben möchte.[xxxi]

Ernst Kühlbrandt und seine erste Ehefrau Marie Julie geb. Eitel. Carl Muschalek in Kronstadt, um 1885-1891. © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
Ernst Kühlbrandt und seine erste Ehefrau Marie Julie geb. Eitel. Carl Muschalek in Kronstadt, um 1885-1891. © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
Bildnis Theodor Kühlbrandt d. Ä. als Sportfechter und Turner. Fotografie von Carl Dörschlag, 1865. Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, o. Signatur. © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
Bildnis Theodor Kühlbrandt d. Ä. als Sportfechter und Turner. Fotografie von Carl Dörschlag, 1865. Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, o. Signatur. © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
Theodor Kühlbrandt inmitten von Sportkameraden auf dem 3. Allgemeinen Deutschen Turnfest in Leipzig. Unbekannter Fotograf, 1863. Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, o. Signatur. © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
Theodor Kühlbrandt inmitten von Sportkameraden auf dem 3. Allgemeinen Deutschen Turnfest in Leipzig. Unbekannter Fotograf, 1863. Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, o. Signatur. © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
Ernst Kühlbrandt: Die Berufung des Jeremia auf der Kanzelpforte der Schwarzen Kirche. Bleistift, Tusche und Aquarell, o. D. Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, Signatur IV F 289c–d/2 © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
Ernst Kühlbrandt: Die Berufung des Jeremia auf der Kanzelpforte der Schwarzen Kirche. Bleistift, Tusche und Aquarell, o. D. Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, Signatur IV F 289c–d/2 © Evangelische Kirche A. B. Kronstadt
»Gusto Gräser, 1879-1958«. Fotomechanische Reproduktion nach einer um 1903 entstandenen Fotografie, als Frontispiz (o. S.) verwendet in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 13, 1964.
»Gusto Gräser, 1879-1958«. Fotomechanische Reproduktion nach einer um 1903 entstandenen Fotografie, als Frontispiz (o. S.) verwendet in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 13, 1964.
»Der Naturmensch. „An mir hat Sydow nichts zu besteuern“«. Karikatur von Karl Arnold in: Die Jugend (München) 48, 1908, o. S. Quelle: www.jugend-wochenschrift.de. Gusto Gräser befand sich 1908 in München und kann der Zeichnung durchaus als Vorbild gedient haben.
»Der Naturmensch. „An mir hat Sydow nichts zu besteuern“«. Karikatur von Karl Arnold in: Die Jugend (München) 48, 1908, o. S. Quelle: www.jugend-wochenschrift.de. Gusto Gräser befand sich 1908 in München und kann der Zeichnung durchaus als Vorbild gedient haben.
Die Brüder Gustav Arthur und Karl Gräser in Ascona. Unbekannter Fotograf, um 1903. Siebenbürgische Bibliothek Gundelsheim, Bildarchiv, Signatur P 1a-g/31.
Die Brüder Gustav Arthur und Karl Gräser in Ascona. Unbekannter Fotograf, um 1903. Siebenbürgische Bibliothek Gundelsheim, Bildarchiv, Signatur P 1a-g/31.

Anmerkungen

[i] Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, IV F 289d, Nachlass Ernst Kühlbrandt, darin: Ernst Kühlbrandt, Erinnerungsblätter / Begonnen Samstag, den 9. August 1924, 1. Mein Vater (maschinengeschr. Text), 1–9.

[ii] Zur Biographie: Art. Kühlbrandt, Ernst, in: Schriftsteller-Lexikon der Siebenbürger Deutschen: Bio-bibliographisches Handbuch für Wissenschaft, Dichtung und Publizistik. Begründet von Joseph Trausch, fortgeführt von Friedrich Schuller und Hermann A. Hienz, Bd. 8 (Schriften zur Landeskunde Siebenbürgens, 7/VIII), Köln et al. 2001, 316–322; zum Lustspiel Der Naturapostel hier 319; Heinz Stănescu, Nachwort, in: Ernst Kühlbrandt, Der Weisheitszahn: Sinn-Gedichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Heinz Stănescu, Bukarest 1969, 117–125; Arnold Kartmann, Ernst Kühlbrandt, in: Carl Göllner und Joachim Wittstock, Die Literatur der Siebenbürger Sachsen in den Jahren 18491918 (Beiträge zur Geschichte der rumäniendeutschen Dichtung), Bukarest 1979, 212–217. Nachrufe: N. N., Prof. Ernst Kühlbrandt, in: Kronstädter Zeitung: Landeszeitung für Rumänien Nr. 203 vom 7. September 1933 (94. Jg.), 3; Karl Kurt Klein, Ernst Kühlbrandt, in: Klingsor 10, 1933, 370–371; Erich Jekelius, Ernst Kühlbrandt †, in: Mitteilungen des Burzenländer Sächsischen Museums 2, 1937, 127–128.

[iii] Zitiert nach Stefan Sienerth, Art. Kühlbrandt, Ernst, in: Walter Myss (Hg.), Lexikon der Siebenbürger Sachsen, Innsbruck 1993, 286. Vgl. Stefan Sienerth, Ernst Kühlbrandt, in: Wahrheit vom Brot: Anthologie siebenbürgisch-deutscher Lyrik der Jahrhundertwende. Auswahl, Vorwort und bio-bibliographischer Anhang von Stefan Sienerth, Cluj-Napoca 1980, 125; Horst Schuller, Die Welt bleibt nicht stehen: Ernst Kühlbrandt: ein Autor des Fortschritts, ein Mann kulturhistorischer Neugier (zum 125. Geburtstag), in: Karpatenrundschau 15 (26) (1982), Nr. 18 (1567) (7. Mai), 4–5; Arnold Kartmann, Ernst Kühlbrandt, in: Carl Göllner und Joachim Wittstock (Hg.), Die Literatur der Siebenbürger Sachsen in den Jahren 1849–1918, Bukarest 1979, 212–217; Stănescu 1969 (wie Anm. 3); Harald Krasser, Zum 100. Geburtstag E. Kühlbrandts, in: Volkszeitung 1, 1957, Nr. 6 (4. Juli). Neben Kühlbrandts literarischem Werk bilden landeskundliche, kultur- und kunsthistorische Beiträge, von denen einige wegweisend wirkten, weitere Arbeitsschwerpunkte. Er legte sowohl die erste und lange Zeit einzige kunsthistorische Monographie zur Schwarzen Kirche als auch die ersten Studien zu den osmanischen Teppichen in den evangelischen Kirchengemeinden der Siebenbürger Sachsen vor. Zu osmanischen Teppichen: Ernst Kühlbrandt, Die alten orientalischen Teppiche der Kronstädter ev. Stadtpfarrkirche, in: Korrespondenzblatt des Vereins für Siebenbürgische Landeskunde 21, 1898, 101–103; ders., Unsere alten Kirchenteppiche, in: Die Karpathen 1, 1907, 41–43; ders., Unsere alten Kirchenteppiche, in: Die Karpathen 4, 1910/1911, 525–531 u. 570–574; ders., Die alten orientalischen Teppiche in der evangelisch-sächsischen Stadtpfarrkirche zu Kronstadt, in: Cultura 1, 1924, 320–324. Wesentliche Inhalte von Emil Schmutzlers opus magnum verdanken sich ebenfalls Ernst Kühlbrandt: Emil Schmutzler, Altorientalische Teppiche in Siebenbürgen, Leipzig 1933. Zur Bedeutung Kühlbrandts für die Erforschung der osmanischen Teppiche Siebenbürgens: Ágnes Ziegler und Frank-Thomas Ziegler, Gott zu Ehren und der löblichen Zunft zur Zierde und Gebrauch: Die osmanischen Teppiche der Schwarzen Kirche, Kronstadt 2019, 42–45. Zur Rolle von Kühlbrandt für die Überlieferung der osmanischen Teppiche der Schwarzen Kirche vgl. auch Robert Born, Von Besatzern zu Besetzten: Kunstschutz und Archäologie in Rumänien zwischen 1916 und 1918, in: Robert Born und Beate Störtkuhl (Hg.), Apologeten der Vernichtung oder »Kunstschützer«?: Kunsthistoriker der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg (Visuelle Geschichtskultur, 16), Köln et al. 2017, 215–254, hier 225. Zur Schwarzen Kirche: Ernst Kühlbrandt, Die evangelische Stadtpfarrkirche A. B. in Kronstadt, Kronstadt 1898; ders., Die evangelische Stadtpfarrkirche A. B. in Kronstadt: Mit zahlreichen Abbildungen und mit beigegebener Baugeschichte von Julius Groß, Kronstadt 1927.

[iv] Ernst Kühlbrandt, Des Königs Wein oder die Bärenbraut: Drei Szenen aus einem Singspiel in zwei Aufzügen mit einem Vorspiel, in: Klingsor 10, 1933, 89–95; Heinrich Zillich, Nachwort [einschließlich Des Königs Wein oder die Bärenbraut. Zwei Szenen aus einem Singspiel von Ernst Kühlbrandt], in: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 13, 1964, 39–43; Ernst Kühlbrandt, Liedertexte aus dem Singspiel „Bärenbraut“, Handschrift auf 18 nummerierten Seiten, Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, IV F 289 c–d/1.

[v] Stănescu 1969 (wie Anm. 3), 123.

[vi] Die Rezension der Aufführung „Der Naturapostel“ im Stadttheater Hermannstadt am 28. März 1911: Ernst Jekelius sen., [Rezension o. Titel], in: Siebenbürgisch-Deutsches Tageblatt Nr. 11320 (38. Jg.) vom 29. März 1911, 5: » (J– ) Unser Kronstädter Landsmann, Herr Professor Ernst Kühlbrandt, ist auf literarischem Gebiet kein Neuling: man kennt seit Jahren die liebenswürdige Note dieses sinnigen Poeten, der – etwa im Stile Ludwig Fuldas – in Gedichten, Fabeln und Skizzen geistreiche und witzige Einfälle in gar sauberer und glatter Form zu verwenden weiß. In seinem Lustspiel „Der Naturapostel“ erzählt er uns von dem Sohn eines Arztes, der die Rückkehr zur Natur predigt und, da er seine Idee aller Welt verkünden will, das Vaterhaus verläßt, um, ganz auf sich gestellt, der Propaganda zu leben. Dabei gerät er in die Hände zweier anrüchiger Gesellen: eines raffinierten jüdischen Agenten u. eines halbverrückten Phantasten, die den Idealismus des weltfremden Jünglings für ihre geschäftlichen Zwecke ausnützen und den fanatischen Bekämpfer der Kultur auf den Weg eines bauernfängerischen Charlatans drängen wollen. Von diesem Treiben angeekelt, und aus den praktischen Erfahrungen vielleicht auch von der Fruchtlosigkeit seiner Bestrebungen überzeugt, läßt der Naturapostel schließlich von diesem Lebensziel ab. Ein gütiges Geschick bewahrt ihn aber davor, als reuiger verlorener Sohn im Vaterhaus zu erscheinen, denn eine schwärmerische Millionärstochter hat sich in den interessanten Helden verliebt; sie gedenkt fern von dem Tumult der verachteten Welt ein Tuskulum zu erwerben, wo sie beide ihrer Liebe und – das ist der Humor davon! – den Genüssen einer feinen Kultur zu leben gedenken. Dieser Hauptaktion sind noch ein paar kleine Nebenhandlungen angefügt und eine Menge episodistischen Zierrats beigemischt, das so breiten Raum einnimmt, daß man sagen könnte: zu viel Gerank, zu wenig Gerüst. So gibt es in der Ausführung des Stückes wie in den einzelnen Szenen und Rollen mehr Skizze als Durchbildung, überall Ansätze und Anläufe statt dramatischer Steigerung und harmonischer Entwicklung, was für die Wirkung des Stückes auch den Nachteil hat, daß eigentlich fast keine der Rollen im Theatersinne dankbar ist. Dagegen muß anerkannt werden, daß dem Autor gar manche echt lustspielmäßige Szene gelungen ist und daß er (wie ich allerdings nicht aus der Aufführung, sondern aus dem Buch entnehme) durchwegs mit einem flüssigen, reich pointierten Dialog erfreut, aus dem manches kleine, gefällige und wohl auch nachdenkliche Wort hervorleuchtet. Was die Darstellung angeht, so ist das bei den Werken Einheimischer meist eine mißliche Sache. Die Schauspieler haben ein tiefgewurzeltes (in der Regel freilich berechtigtes) Mißtrauen gegen Theaterstücke aus Dilettantenkreisen und man weiß, was es zu bedeuten hat, wenn die Darsteller gewissermaßen contre coeur und in der festen Ueberzeugung an die Arbeit herantreten, daß sie die Rollen weiterhin nicht mehr benötigen werden. Die Unsicherheit, die daraus naturgemäß erwächst, ist begreiflicherweise nicht geeignet, die Schwächen eines Stückes zu maskieren und seine guten Seiten ins rechte Licht zu stellen. So schlimm hätte es aber doch nicht sein dürfen. Ein Teil der Mitwirkenden hatte zwar mit rühmlichem Fleiß die Aufgabe ernst genommen, so insbesondere Herr Leiter und Herr Sturm und die Damen Marco (die auch einen schönen Blumenstrauß erhielt), Sablee, Huber und Horst (die sich noch in letzter Minute als gewandte und angenehme Schauspielerin entpuppte). Aber sonst! Der erste Akt ging noch leidlich vorüber, aber dann ging es drunter und drüber, die Schauspieler liefen nervös und ratlos hin und her, der Souffleur schrie aus Leibeskräften in die Notpausen hinein und die zahlreich versammelten Leute lachten – leider aber nicht über das Lustspiel, sondern über das allgemeine Debacle – übrigens kein kleines Zeichen von der Gutmütigkeit unseres Publikums, das noch Dinge mit Heiterkeit aufnimmt, die anderwärts ausgepfiffen werden. Es ist mir unbegreiflich, wie der für den Abend verantwortliche Regisseur, der doch ein gewiegter und fachkundiger Mann ist, die Unmöglichkeit dieser Vorstellung nicht bei der ersten Probe vorausgesehen und der Theaterleitung gemeldet hat. Lieber hätte man schließen sollen, ehe man unserem Ensemble, das gerade heuer so zahlreiche Proben von Eifer, Tüchtigkeit und Schlagfertigkeit geliefert hat, einen so trübseligen Abschied bereitete.« Für den Hinweis auf diese Rezension ergeht der herzlichste Dank an Frau Gudrun-Liane Ittu.

[vii] Eventuell in Anspielung an Oberpoyritz, heute ein Stadtteil Dresdens.

[viii] Ernst Kühlbrandt, Der Naturapostel. Lustspiel in vier Aufzügen. Inspizierbuch, 1911, 2. Aufzug, 1. Szene, 1. Archiv und Bibliothek der Evangelischen Kirche A. B. Kronstadt, Signatur IV F 289b.

[ix] Siehe: Jekelius 1911 (wie Anm. 7).

[x] Zu Leben und Werk siehe: Art. Gustav Gräser, in: Schriftsteller-Lexikon der Siebenbürger Deutschen. Bio-bibliographisches Handbuch für Wissenschaft, Dichtung und Publizistik. Begründet von Joseph Trausch, fortgeführt von Friedrich Schuller und Hermann A. Hienz, Bd. VI (D–G), Köln/Weimar/Wien 1998 (Schriften zur Landeskunde Siebenbürgens, 7/VI), 262–265 und die dort angegebene Literatur; Hermann Müller: Gusto Gräser: Aus Leben und Werk: Bruchstücke einer Biographie, Knittlingen 1987; »Nun nahet Erdsternmai!« Gusto Gräser: grüner Prophet aus Siebenbürgen, hrsg. v. Hermann Müller, Recklinghausen 20142; Gusto Gräser: Drum Taowind ins Winterland! TAO-Wind in die hirnfrostig verfrohrene Welt! Sein Leben in Wort und Bild, eine Dokumentensammlung, gesammelt von Hermann Müller, hrsg. v. Ulrich Holbein, Osnabrück 2024. Zahlreiche Informationen auf URL: https://www.gusto-graeser.de/ (18. 10. 2025).

[xi] Die Auseinandersetzung der siebenbürgisch-sächsischen Pädagogen mit alternativen Konzepten erfolgte vor allem in dem von Franz Obert begründeten Periodikum Schul- und Kirchenbote (Erscheinungsverlauf 1866-1907). Zur Rezeption der anthroposophischen Pädagogik vgl. Gerda Ziegler, „… von den schönen Tagen in Hermannstadt“: Rudolf Steiners Aufenthalt in Hermannstadt am Jahresende 1889 und die Folgen für das siebenbürgische Geistesleben, Hermannstadt 2018; zur Frauenbewegung: Ingrid Schiel, Frei – Politisch – Sozial: Der Deutsch-Sächsische Frauenbund für Siebenbürgen 1921–1939 (Studia Transylvanica, 47), Köln 2018.

[xii] Hans Bergel, Gusto Gräser: Der lachende Apostel, in: ders., Wegkreuzungen: Dreizehn Lebensbilder, Bamberg 2009, 9–25, hier 15.

[xiii] Zitiert aus dem Gedicht „Alle wolln wir leben, keiner der`s nit wollt“, in: Hermann Müller (Hg.), Gusto Gräser. Erdsternzeit: Eine Auswahl aus dem Spätwerk, Recklinghausen 2017, 65.

[xiv] Zitiert nach Hermann Müller, Propheten und Dichter auf dem Berg der Wahrheit. Gusto Gräser, Hermann Hesse, Gerhart Hauptmann, in: Die Lebensreform: Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900 (Ausst.-Kat. Darmstadt, Institut Mathildenhöhe), hg. von Kai Buchholz et al., Darmstadt 2001, Bd. 1, 321–324, hier 321.

[xv] Eine Überblicksdarstellung der Würdigungen bei Bergel 2009 (wie Anm. 13). In den 1920er und 1930 Jahren gibt es Berührungspunkte zwischen Gusto Gräser und nationalkonservativen Kreisen. Eine entsprechende Materialsammlung wird derzeit durch Herrn Marcus Leicher, Berlin, erstellt.

[xvi] Während die Brüder Gräser eine anarchistisch-kommunistische Reformkolonie verwirklichen hatten wollen, riefen Hoffmann und Oedekoven nach der Trennung von Gustav und Karl Gräser die Naturheilanstalt Monte Verità ins Leben. Gustav und Karl ließen sich allerdings auf der Naturheilanstalt benachbarten Grundstücken nieder, sodass die Öffentlichkeit beide als prägende Persönlichkeiten der alternativen Lebensgemeinschaft auf dem Berg wahrnahm. Zeitgenössische Veröffentlichungen zum Monte Veritá in Auswahl: Carlo Arnaldi, Gli uomini della natura, in: La Protesta Umana (San Francisco), 20. August 1903, Supplemento Letterario, 6–7; Adolf Grohmann, Die Vegetarier-Ansiedelung in Ascona und die sogenannten Naturmenschen im Tessin: Referate und Skizzen, Halle a. S. 1904, hier über Gusto Gräser 26–32; Jules Chancel, Les naturistes du Mont Verità, in: L`Illustration (Paris) Nr. 3361, 27. Juli 1907, 58–59; Eberhard Dennert, Die Anachoreten von Ascona, in: Adolf Bartels und V. H. Frommel (Hg.), Neue Christoterpe: Ein Jahrbuch 30, 1909, 185–192; Erich Mühsam, Ascona. Eine Broschüre, Locarno 1905; Ida Hoffmann, Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung; Aus dem Leben erzählt, Lorch 1906. Betrachtungen im Zusammenhang der Lebensreform: Müller 2001 (wie Anm. 15); Para-Moderne: Lebensreformen ab 1900 (Ausst.-Kat. Bonn, Bundeskunsthalle), Berlin 2025, 24–45, 48–59.

[xvii] Die Kronstädter Leserschaft konnte die Entwicklung der Reformsiedlung Monte Veritá dank der internationalen Publizistik verfolgen, vgl. die Auswahl in Anm. 17.

[xviii] Otto Friedrich Jickeli, Siebenbürgisch-sächsische Charakterköpfe. XVIII. Gusto Gräser., in: Die Karpathen 20, 1912, 611–614; Adolf Meschendörfer (Hg.), Aus Kronstädter Gärten. Kunstleben einer sächsischen Stadt im Jahre 1930. Kronstadt 1930, 1–4.

[xix] Siebenbürgisch-Deutsches Tageblatt Nr. 10980 (37. Jg.) vom 15. Februar 1910, 3; aber besonders Gusto Gräsers Siebenbürgen-Reise von 1915–1916 zeitigte eine Reihe von Reaktionen in der deutschsprachigen Tagespresse siebenbürgischer Städte, siehe etwa die Kronstädter Zeitung Nr. 63 vom 17. März 1915, 7, und Nr. 64 vom 18. März 1915, 4–5. Eine Zusammenstellung von Texten aus dem Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt, dem Mediascher Wochenblatt und der Bistritzer Deutschen Zeitung in: Müller/Holbein 2024 (wie Anm. 11), 76–78.

[xx] Symptomatisch ist der Tagebucheintrag des Kronstädter Arztes Dr. Eduard Gusbeth vom 17. März 1916: »[…] da kam dann freilich noch eine Störung; der Nazarener Gusto Gräser, ein Sonderling, machte auch uns einen Besuch, u.[nd] überreichte mir sein Wortgeklingel: „Menschen, Heimat, braucht die Erde!“, fing dann mit seinen Weltverbesserungs-Ideen an, daß jeder so leben solle, wie es sein Inneres ihm vorschreibt u. s. w., er sagte uns auch, daß er aus dem Spital u.[nd] Arrest käme, wo er einige Zeit gehalten wurde, weil er keinen Militärdienst machen wolle. Man hatte ihn nun doch freigegeben, da er ja nicht nur seit dem Kriege diese verworrenen Ideen hatte, sondern schon weit früher. Er will in einigen Tagen hier einen Vortrag halten. Nun: Viel Glück dazu! Er ist ein hübscher Mann, hat einen kräftigen, langen schwarzen Vollbart u.[nd] lange Haare, angenehme Züge, eine einnehmende Stimme – 7 Kinder. Er hatte nämlich eine Witwe geheiratet mit 5 Kindern, die ihm dann noch 2 eigene schenkt. Sie und ihre Kinder leben jetzt in der Schweiz. Er macht mit seinen „Gedichten“, wie er sein Geschmiere heißt, Besuche bei allen Leuten, u.[nd] treibt auf diese Weise eine feinere Bettelei. Ich gab ihm bei seinem Abschied, den ich bei seinen langen Auseinandersetzungen durch Aufstehen beschleunigt, 4 Kron[en] aus Mitleid mit seinen vielen Kindern. Er trägt nie eine Kopfbedeckung u.[nd] hat einen langen braunen Schwahl [Schal, Anm. d. Verfassers] um die Schultern geschlungen, sehr kurze Hosen…, u. s. w. – Als er noch weniger bekannt war in Kronstadt, liefen ihm die Kinder nach und schrien: „Jesus kommt!“; jetzt hat er den Reiz der Neuheit verloren. Von Haus ist er Schloßer, scheint aber das Herumschlendern einer würdevollen Arbeit vorzuziehen. Rätselhaft ist mir, wie nach der Kronst.[ädter] Z.[eitung] Nr. 63 in Deutschland selbst bekannte Schriftsteller günstige Urteile über ihn abgaben! – die Kronst.[ädter] Z[ei]t[un]g. bringt in Nr. 64 ff. sogar einen Artikel v.[on] Joh.[annes] Schlaf, der dem Gusto Gräser seine Auswertung nicht versagt. […]«, zitiert nach: Staatsarchiv Kronstadt, Dokumentarsammlung des Johannes-Honterus-Lyzeums [Colecția documentară Liceul Honterus], B. 93, XIX, 9–10. Für den Hinweis auf diese Textstelle dankt der Verfasser Frau Camelia Neagoe herzlich. Die beiden Beiträge, auf die sich Eduard Gusbeth bezieht, sind genannt in Anm. 20.

[xxi] Neben Gustav Arthur Gräser verbanden auch andere Zivilisationsskeptiker ihre Kritik mit einem weitgehenden Verzicht auf Konsumgüter des modernen Lebens. Während der Kleidungsstil Gusto Gräsers Ähnlichkeit zu jenem Karl Wilhelm Dieffenbachs und Joseph Salomonsons aufwies, reichten die Parallelen zwischen Gusto Gräser, Konrad Karl Kurzrock und Gustaf Nagel bis hin zur Praxis, durch Herstellung von Bild- und Spruchkarten Mission und Broterwerb zu verbinden. Vgl. Müller/Holbein 2024 (wie Anm. 11), 6–17, 40–45. Über Kurzrock berichtete in Siebenbürgen das Siebenbürgisch-Deutsche Tageblatt Nr. 8962 (30. Jg.) vom 13. 06. 1903, 2. Für den Hinweis auf Konrad Karl Kurzrock dankt der Verfasser Herrn Marcus Leicher.

[xxii] Hans Heimann erklärt sich seinem Vater: » […] Ja, eine Mörderin ist unsere Kultur, Vater! Tötet sie nicht millionenfach, täglich, stündlich durch ihre nervenzerrüttende Unrast, Zerrissenheit und Hoffnungslosigkeit, durch mörderische Großbetriebe, verpestete Menschenanhäufungen, durch Verfälschung, Verwässerung, Vertäuerung der notwendigsten Lebensmittel, durch Ueberarbeit und Unterlohn, durch Schundware, Schundliteratur, Tingeltangel und Nachtcafés, durch Neurasthenie, Blutarmut, Lustseuche und Tuberkulose? Ein menschenmordender Moloch ist unsere Zivilisation. Wo ihr Fuß hintritt, steigen ihre hässlichen, heulenden Schlote wie giftige Pilze aus dem Boden. Die Luft, unser allernotwendigstes Lebenselement, verstänkert sie mit ihrem rauchgeschwängerten Odem, das Wasser, die herrliche Himmelsgabe, verseucht sie, die keusche Erde versudelt sie mit ihren miasmatischen Abfällen […] «, zitiert nach Kühlbrandt 1911 (wie Anm. 9), 2. Aufzug, 6. Szene, 14–15.

[xxiii] Kühlbrandt 1911 (wie Anm. 9), 3. Aufzug, 3. Szene, 11.

[xxiv] Gusbeth 1916 (wie Anm. 21).

[xxv] Am Ende trägt Heimann die » […] Kleidung des sogenannten Naturmenschen: ein kurzärmeliges, kragenloses Hemd und darüber einen Mantelkragen aus grober Wolle, ein Beinkleid bis knapp übers Knie, blosse Unterschenkel, trägt keine Kopfbedeckung; sein langes Haar ist nur durch einen diademartigen Riemen zurückgehalten. In der Hand hat er einen groben Knotenstock. […] « Beide Zitate nach: Kühlbrandt 1911 (wie Anm. 9), 3. Aufzug, 3. Szene, 7–8. Die restlichen Figuren beschreiben den Eindruck, den Hans auf sie macht: » […] wie ein Prophet, wie ein Seher! […] «, zitiert nach Kühlbrandt 1911 (wie Anm. 9), 1. Aufzug, 1. Szene, 8.

[xxvi] Zitiert nach Kühlbrandt 1911 (wie Anm. 9), 4. Aufzug, 10. Szene, 29.

[xxvii] Der Rekurs Ernst Kühlbrandts auf Gustav Arthur Gräser wurde bereits am 22. September 1981 von Horst Schuller-Anger in einem Brief an Wulf Kirsten (Weimar) (18. 10. 2025) angemerkt. Für die freundliche Mitteilung der Briefpassagen dankt der Verfasser Herrn Hermann Müller freundlich.

[xxviii] Jekelius 1911 (wie Anm. 7).

[xxix] Dass Kühlbrandt seine Hauptfigur Hans Heimann als standhaft und integer gegenüber materiellen Verführungen zeichnet, ist als Ausdruck der Anerkennung Kühlbrandts für Gusto Gräser zu werten, gehörte es doch zu dessen Arbeitskompromiss, » […] Vorurteile zu bekämpfen, ohne alle eigenen abgelegt zu haben […] «, zitiert nach Stănescu 1969 (wie Anm. 3), 124.

[xxx] Kühlbrandt 1911 (wie Anm. 9), 4. Aufzug, 10. Szene, 29–30.

[xxxi] Hier greift eine ältere Beobachtung von Dorothea Götz: » … Jene Stücke [der siebenbürgisch-sächsischen Dramatik der Zeit um 1900, Anm. des Verfassers], die weder dörfliche noch historische Problematiken behandeln, zeichnet eine gewisse Unsicherheit aus. Wo nicht der Stoff eine leicht konturierbare Fabel liefert, zeigt sich das Unvermögen in der Gestaltung und die Dürftigkeit der Aussage. … «, zitiert nach Dorothea Götz, Dramatik: Thematik, Problemstellung und Spielarten der dramatischen Dichtung, in: Göllner/Wittstock 1979 (wie Anm. 3), 332. Vgl. auch die Kritik an dem Gewicht der Nebenhandlungen im Naturapostel bei Jekelius 1911 (wie Anm. 7).

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