Religionslehrer stehen unter besonderem Druck. Oft hoffen Schüler, ihren Notenspiegel hier aufzubessern. Eltern hoffen, dass der Unterricht Erziehungsarbeit leistet oder dass gute Deutschkenntnisse noch besser werden. Der Religionsunterricht hat demgegenüber seine eigene Aufgabe innerhalb der Schulfächer.
Frank-Thomas Ziegler: Liebe Franziska Riemer, Du erteilst evangelischen Religionsunterricht am Johannes-Honterus-Nationalkolleg. Jetzt hat sich die gesetzliche Grundlage für die Berufsausübung der Religionslehrer geändert. Was genau ist passiert?
Franziska Riemer: Im Zuge der jüngsten Bildungsreform wurde der Stundensatz der „plata cu ora“ – die Entlohnung pro gehaltener Unterrichtsstunde – für sämtliche Schulfächer halbiert. Viele Religionslehrerinnen und -lehrer sind überwiegend auf Grundlage dieser Regelung angestellt. Das bedeutet: gleiche Arbeit bei deutlich geringerem Einkommen. Für mich persönlich ist die Lage weniger kritisch, weil ich bei der Gemeinde angestellt bin. Für Kolleginnen und Kollegen, die ausschließlich über „plata cu ora“ arbeiten, kann die Kürzung jedoch spürbar belastend sein.
FTZ: Wo siehst du als Pädagogin den größten Handlungsbedarf?
FR: Im Schulsystem geht es stark um Leistungen, Noten und den Vergleich mit anderen Schülerinnen und Schülern. Für uns, die wir Kinder- und Jugendarbeit in der Honterusgemeinde machen, ist es ein Ziel, im Rahmen unserer Angebote nicht Leistung und Vergleich in den Vordergrund zu rücken, sondern Räume zu eröffnen, in denen Kinder und Jugendliche Gemeinschaft erleben, Gaben entdecken und Sinnfragen stellen dürfen. Das ist auch mein Ziel im Unterricht.
Neben der Wissensvermittlung – zum Beispiel dem Kennenlernen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Konfessionen – steht im Mittelpunkt, Gemeinschaft zu erleben und zu verstehen, dass jede und jeder besondere Gaben mitbringt, die er bzw. sie einbringen kann, etwa im Rahmen von Rollenspielen, Projekten und Gruppenarbeiten.
Eine Herausforderung bleibt das unterschiedliche Sprachniveau – umso wichtiger sind klare Methoden, Visualisierungen und handlungsorientierte Zugänge, damit auch tiefere Gespräche möglich werden. Zugleich ist die Religionsstunde für alle oft die letzte Schulstunde des Tages; auch das fordert mich heraus, den Unterricht möglichst kreativ zu gestalten, damit die Schülerinnen und Schüler „dranbleiben“.
FTZ: Wie schaffst du es, deine Tätigkeit als Religionslehrerin mit der Kinder- und Jugendarbeit der Gemeinde zu verbinden?
FR: Unsere Schulgottesdienste – zum Schuljahresanfang, zum Martinsfest, zu Weihnachten und zum Schuljahresende – sind eine wichtige Brücke zwischen Schule und Gemeinde. Dort begegnen wir einander.
Durch die Arbeit in der Gemeinde mit Kindern und Jugendlichen bin ich nahe dran an dem, was Schülerinnen und Schüler bewegt, und kann im Religionsunterricht besser darauf eingehen und daran anknüpfen. Einige Kinder kommen aus dem Religionsunterricht in die Jungschargruppe, erleben dort Gemeinschaft, Spiel und Bibelgeschichten. Von dort geht der Weg häufig weiter in die Jugendarbeit – zum Teenietreff und zur Jugendstunde.
Liebe Franziska, vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!
Foto: Franziska Riemer. Fotograf: Béla Benedek