
Zur Baugeschichte
Die Martinsberger Kirche ist die älteste der heute existierenden Filialkirchen der Schwarzen Kirche. Bereits eine königliche Urkunde, datiert auf den 7. März 1395, bezeugt die Existenz einer Kirche auf dem nordwestlichen Ausläufer des Kronstädter Schlossberges. Sigismund von Luxemburg, seit 1387 auch König von Ungarn, bestimmte bei seinem ersten Kronstädter Aufenthalt an jenem Tag feierlich, dass in der dem Heiligen Martin geweihten Kirche wöchentlich vier Messen zu zelebrieren seien: jeweils montags zu Ehren des Heiligen Martin, mittwochs zu Ehren des Heiligen Königs Ladislaus, donnerstags zu Ehren des Heiligen Sigismund und samstags zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria.
Dafür stiftete der König aus dem Martinszins – dem Zins, den die Siebenbürger Sachsen jährlich um den Martinstag, den 11. November, an den ungarischen König zu zahlen hatten, vierzig Goldgulden. Dieselbe Urkunde erwähnt auch, dass die Kirche eben zu jener Zeit durch denselben Kronstädter Pleban (d. h. Stadtpfarrer) Thomas Sander errichtet wurde, der um 1380 auch die Erbauung der Schwarzen Kirche angestoßen hatte.
Ihr heutiges Erscheinungsbild erhielt die Kirche schrittweise im Laufe der folgenden sieben Jahrhunderte. Im westlichen Abschnitt ist die Halle noch weitgehend mittelalterlichen Ursprungs.
An der Westfassade – hier auf Höhe des Dachbodens –, an der Nord- und an der Südfassade finden sich noch Spitzbogenfenster, und auch vier Portale sind gotischen Ursprungs. Der kleine Glockenturm wurde erst 1764, im Barock, errichtet. Wenige Zeit später, in den Jahren 1795-1796, erhielt die Kirche durch die Verlängerung nach Osten hin ihre heutige Gestalt, sodass die Flachdecke der Halle zeittypische Rokoko-Ornamentik aufweist. Die derzeitigen Dachstühle von Halle und Turm sind erst 1820 errichtet worden. Den Glasscheiben von einigen Fenstern sind Inschriften eingefügt, die auf Stiftungen des 20. Jahrhunderts verweisen.
Im Zuge einer grundlegenden Restaurierung wurde der Innenraum zuletzt 2012-2013 maßgeblich umgestaltet. Den damals dringend notwendigen Maßnahmen zur Entfeuchtung des Gebäudes folgte die Neugestaltung des Innenraums. In der Halle wurde das Bodenniveau auf die ursprüngliche Höhe abgesenkt und ein Fußboden aus Dielen wurde eingezogen; ausschließlich unterhalb der Westempore wurde aufgrund der archäologischen Befunde für einen Fußboden aus Backsteinen optiert. Das Mauerwerk wurde denkmalgerecht verputzt.
Ausstattung
Wandbilder
Die ältesten Bildzeugnisse der Kirche sind in al-fresco-Technik ausgeführte Wandbildreste, die an der nördlichen Innenwand auf Ebene der hölzernen Empore überdauert haben. Zu erkennen ist das Fragment einer Apostelserie: zwei Apostel mit Büchern in Händen erscheinen innerhalb eines ornamentalen Rahmens. Das Wandbild wurde auf die älteste Putzschicht der Kirche gemalt und stammt, seiner Stilsprache nach zu urteilen, aus dem 14. oder 15. Jahrhundert.

Eine zweite Putzschicht bedeckt teilweise die erste und stammt vermutlich vom Beginn des 18. Jahrhunderts; darauf wurden figurale Motive in al-secco-Technik gemalt.
Unterhalb der Empore sind vor wenigen Jahren von Restauratoren hübsche Wandbildreste, Blumenmotive in Schwarz, Rot, Rosa, Ockergelb und Blau, freigelegt worden. Über diese Malerei ist ein Bibelzitat in deutscher Sprache gesetzt, das Ähnlichkeit mit den Schriftzügen aufweist, die sich auf dem Altar von 1730 finden; deshalb wird angenommen, dass es sich um ein- und denselben Künstler gehandelt habe, der beide ausführte. Auch darüber, auf Ebene der Empore, haben Restauratoren Verse in Frakturschrift freigelegt und auch auf der Westseite und an den Gewölben finden sich ähnliche Reste frühneuzeitlicher Wandmalerei.
Altar
Das Altarretabel wurde 1730 von Stephan Schuler geschaffen, um einen älteren, aus dem Jahr 1685 stammenden Altar zu ersetzen. Die Grundstruktur ist hölzern, während die plastische Gestaltung in gefasstem Gipsstuck gearbeitet ist.
Zentrales Thema des Bildprogramms ist das Erlösungswerk Gottvaters durch seinen Sohn Jesus Christus. Mittig auf dem verkröpften Kranzgesims vollzieht sich die Erscheinung des Buches mit den sieben Siegeln nach der Beschreibung in Offenbarung 5. In Vertretung der dort genannten 24 Ältesten erscheinen König David mit der Harfe und Aaron mit dem Rauchfass, und, weiter nach außen gerückt, Moses mit der Gesetzestafel sowie Abraham mit Lamm und Opfermesser. Auch die an den beiden äußersten Ecken des Kranzgesimses jubilierenden, ihrer Musikinstrumente allerdings inzwischen beraubten Engel sind in dem Bibeltext genannt. Im Schrein des Altars erscheint, von der Inschrift „Gott ist die Liebe“ (1. Johannes 4,8) überfangen, Christus mit ausgebreiteten Armen zwischen den beiden Apostelfürsten und „Dienern des neuen Bundes“ Petrus – mit Schlüssel – und Paulus – mit Schwert.
Kanzel
Die an der Ostseite befindliche Kanzel stammt aus dem 18. Jahrhundert, d. h. aus der Zeit der Erweiterung der Kirche nach Osten hin. Der Kanzelkorb ist gemauert. Die filigrane Kanzelkrone aus Holz vereint die geschnitzten Darstellungen der vier Evangelisten mit der des bekrönenden Christus als Weltenherrscher. An der Unterseite der Kanzelkrone erscheint der Heilige Geist in Gestalt einer Taube.
Emporen
Die aus West-, Nord- und Südflügel bestehende Empore ist das Ergebnis mehrfacher Umgestaltungen. Die erste aktenkundig gewordene Maßnahme zur Konstruktion einer Holzempore stammt aus dem Jahr 1738. Der Prediger Christian Schäser gab in jenem Jahr die Anfertigung der Bildtafeln der zwölf Apostel und Jesu Christi, die derzeit die Brüstung der Westempore schmücken, in Auftrag. Die heutige Süd- und Nordempore sind im Wesentlichen wohl 1795, mit Gelegenheit der Erweiterung der Halle, errichtet worden, haben aber nachher noch Veränderungen erfahren.
Die Westempore ist gemauert und in Teilen gotischen Ursprungs. Im Erdgeschoss wird sie von einem Gewölbe mit drei Jochen überfangen und gestützt von zwei Pfeilern auf achteckigem Grundriss. Sie wurde 1928 erweitert, um die neue Orgel aufzunehmen.
Die auf die Emporenbrüstungen gemalten Kartuschen enthalten Zunftzeichen und stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Gestühle und Bänke
Die beiden im Chor befindlichen Gestühle weisen gestalterische Parallelen zu den Emporen auf und wurden wohl zur selben Zeit wie diese, d. h. kurz vor 1800, angefertigt.
Die historischen Kirchenbänke der Halle wurden aus der Verankerung gelöst und lassen sich nun individuell platzieren. Die Sitzbänke der Emporen stammen aus der Erbauungszeit der Seitenemporen. Auf einem der Pulte findet sich die Jahreszahl 1808 eingeschnitzt.
Taufbecken
Schale und Fuß des neugotischen Taufbeckens wurden zu unterschiedlichen Zeiten im 19. Jahrhundert gefertigt. Der Fuß trägt die Jahreszahl 1874.
Orgeln
Die Martinsberger Kirche besaß in der Barockzeit sukzessive Orgeln von Johann Vest (1685) und Johannes Prause (1796). Die heute auf der Westempore befindliche Orgel wurde 1928 von der Firma O. Sauer in Frankfurt a. d. Oder erbaut. Die in Altarnähe aufgestellte Orgel wurde 1805 geschaffen, stammt aus der evangelischen Kirche A. B. in Bodendorf, wurde ab 2007 restauriert und befindet sich seit 2012 in der Martinsberger Kirche.
Die archäologischen Funde
Der Restaurierungsmaßnahme von 2012-2013 gingen archäologische Ausgrabungen voraus. Die Untersuchung des Mauerwerks bestätigte die ältere Annahme, dass der westliche Teil der Kirche als mittelalterlicher Kern der Kirche gelten muss. Sowohl die Wandmalereien als auch ein Teil der aufgefundenen Münzen konnten in die Zeit König Sigismunds von Luxemburg datiert werden.
Im Inneren der Kirche wurden 41 Grabstellen untersucht, in denen die Särge fast unversehrt erhalten geblieben waren. Den Münzfunden und den Inschriften der Särge zufolge stammen die Gräber aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Auf der Nordseite der Kirche wurde eine Vorratsgrube aus dem Ende des 14. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts gefunden, in der eine große Anzahl von Münzen und zwei für Siebenbürgen einzigartige Keramikleuchter aufgefunden wurden.











