von Steffen Schlandt
Mitte Oktober heißt es, die Schwarze Kirche auf einen Winterschlaf vorzubereiten. Das Reformationsfest ist einer von nur drei Gottesdiensten, die in der kalten Zeit hier stattfinden. Die anderen beiden sind an Heiligabend und am Ostersonntag. Wenn sich alle anderen mit dicken Jacken und Schals vor der Kälte schützen können, so ist das leider bei einem Instrumentalisten nicht der Fall. Die Instrumentalmusik muss also von Oktober-Mai schweigen. Umso ungeduldiger sind dann die Anfragen bei Musikern und Publikum: „Wann geht es endlich wieder los?“
In diesem Jahr geschah dies am 13. Mai – mit einem ausverkauften Konzert der Philharmonie Kronstadt: ein würdevoller Auftakt trotz lauen 13 Grad Celsius. Es folgten weitere 21 Sonderkonzerte, unter denen die Aufführung der H-Moll-Messe von J. S. Bach eindeutig einen Sonderplatz einnimmt. Diese Sonderleistung der SängerInnen des Bachchores, diesmal im Zusammenspiel mit dem Chor Lux aurumque aus Szeklerburg erbracht, ist nicht alle Tage möglich. Zum letzten Mal war es 1984, anlässlich der Wiedereinweihung der Schwarzen Kirche nach der großen Innensanierung, dass der Bachchor dieses größte Vokalwerk Bachs sang. Wie schön, dass auch diesmal die Kirche rappelvoll war und damit die musikalisch-theologische Botschaft viele Herzen erreichen konnte!
Zusätzlich zu diesem Konzert gab es viele weitere, etwa Sonderkonzerte mit zwei englischen Chören, amerikanische Gospel und Spirituals, die Stradivari-Konzerte und das Chorprojekt Summerchoir, diesmal mit Sängern aus zehn Ländern, unter anderem aus Mauritius! J
Wenn wir schon bei Zahlen sind …. Inzwischen ist die Verwendung von digitalen Kommunikationskanälen (Facebook-Youtube-Instagram) nicht nur erlaubt, sondern sowohl nötig als auch wirksam. Durch eine gute Koordination des Teams rund um die Konzerte konnte meist eine effiziente Auslastung der Kirche erreicht werden – zur Freude der Musiker, des Publikums und zugunsten der Wirtschaftlichkeit.
Wenn wir den Anteil der „reellen“ und „virtuellen“ Besuchern gegenüberstellen, dann halten sie sich die Waage – jeweils 15.000 Menschen saßen im Kirchenschiff und weitere 15.000 vor den Bildschirmen.
Angesichts dieser hohen Zahl rechtfertigte sich dann auch die Anschaffung der neuen Video-Anlage in der Schwarzen Kirche. Sechs neue Kameras ermöglichen es dem virtuellen Besucher, „fast“ dabei zu sein. Diese Technik kommt auch der Online-Gemeinde zugute, die nun wieder die Gottesdienste mitverfolgen kann. Man geht mit der Zeit, obwohl uns allen klar ist, dass die menschliche Nähe, die man direkt im Kirchenschiff erlebt, durch nichts Digitales zu ersetzen ist.
Haupt- und Schwerpunkt des Musiklebens sind weiterhin die Orgelkonzerte am Samstagabend, die seit der Corona-Pandemie den eingängigen Namen Organ Nights tragen. Hier wird die Schwarze Kirche regelmäßig voll. Die meisten Touristen erleben ihr erstes Orgelkonzert „live“ in der Kirche und können dank einer großen Projektionsleinwand das Geschehen am Spieltisch hautnah erleben.

V. l. n. r.: Lukas Hellmann, Steffen Schlandt und Renate Ferencz
Vor dem Beginn im Mai wurde die Mechanik des Spieltisches der Buchholzorgel gewartet – wir berichteten darüber in den Lebensräumen Nr. 54, S. 22–24. Weitere Arbeiten am Harmonium der Friedhofskapelle (Dank an Arnulf Einschenk und Nicușor Răducan!) rundeten die Instandsetzungen dieses Jahres an Instrumenten ab. Für den alten, wertvollen Kontrabass gab es endlich eine feste Schutzhülle.
Pünktlich zum Beginn der Konzerte waren aber alle Arbeiten erledigt und die Saison ging los. Hinter der Organisation eines Konzertes verbergen sich zahlreiche kleine Arbeitsschritte und viele kleine und große Helfer. Mit den Musikern werden Konzertternine vereinbart, sodass ein Jahresplan entsteht. Der Vertrieb der Konzertkarten wird organisiert und die Werbung in die Wege geleitet. Terminänderungen kommen vor und müssen zusätzlich kommuniziert werden.
Für jedes Konzert müssen Hilfskräfte organisiert werden, die an jedem der Kirchenportale wachen und im Notfall Fluchtwege öffnen. Diesbezüglich haben wir wertvolle Unterstützung von Freiwilligen des Nationalkollegs „Andrei Șaguna” erhalten. Auch die Videotechnik wurde von diesen Schülern bedient – stellvertretend danken wir den über 40 Freiwilligen durch einen Gruß an den koordinierenden Lehrer, Doru Modrișan. Oben an der Orgel spielt nicht nur der jeweilige Interpret, denn er braucht Hilfe – von Registranten. In diesem Jahr hat uns Renate Ferencz treu begleitet und fast alle Konzerte registriert. Außerdem singt sie mit Herz und Seele im Bachchor und studiert Orgel als Nebenfach an der Universität Kronstadt.
Dankbar blicken wir auf ein überaus reiches Halbjahr zurück und sprechen allen Musikern, Arbeitskollegen, Freiwilligen, dem INSPIRATIO-Team und nicht zuletzt auch dem Publikum unseren Dank dafür aus, dass unsere Orgelkonzerte dank ihrer Beteiligung etwas Besonderes geblieben sind.
Vor uns liegen noch weitere interessante Projekte: das Weihnachtssingen der Kinder (Colindul îngerilor) am 12. Dezember, die dreimalige Aufführung des Weihnachtsoratoriums am 17.-19. Dezember in Kronstadt und Sankt Georgen sowie das Konzert zur Jahreswende.
P.S. Ende September besuchte uns in der Schwarzen Kirche die Chefetage des weltweit agierenden Schaeffler-Konzerns. Als mir unvermittelt die Frage gestellt wurde: „Was wäre ein einziger Wunsch, den Sie haben?“, habe ich kurz innegehalten und danach laut geträumt, „dass wir unsere Schwarze Kirche auch im Winter nutzen können – also eine Heizung haben“. In diesem Sinne lasst uns alle davon träumen.